Geschichte meines Geburtsorts Marzill


11. Marzill

Kleiner Ort, bestehend aus dem großen, schönen Bauernhofe, einer schönen gothischen Kirche aus der besten Zeit, aber leider arg verzopft, und hart an der Kirche ein Mesnerhäuslein, das aber jetzt zum Bauernhof gehört und für den Abbruch bestimmt ist.

In Marzill saß früher ein adeliges Geschlecht, die Marzeller. Martin Mair, ein geb. Rudelzhausener und Assistent am bayer. Reichsarchive, schrieb mir 1873, daß es ihm gelungen sei, die ununterbrochene Reihe der Marzeller von 1223-1589 resp. bis 1661 herzustellen. Dabei sprach er die Vermutung aus, daß die Marzeller noch irgendwo im bürgerlichen Stande fortleben. Nach ihm waren die Marzeller wahrscheinlich Ministerialien der Grafen von Scheyern und nachher des von diesem gestifteten Klosters. Doch hält er Marzill nicht für den Stammsitz derselben, sondern er glaubt, daß deren Stammsitz Oberlauterbach oder Ettling bei Pförring gewesen. Mair starb 1879, ohne daß ich von ihm die Arbeiten einsetzen oder benutzen konnte. Er wollte das Geschlecht der Marzeller monographisch selbst behandeln.

Die Haupturkunde außer jenem beim Reichsarchive wurden in Mainburg hinterlegt, aber dort verbrannten sie leider 1765.

Spärlich sind die Nachrichten, die mir hierüber zu Gesicht kamen.

Alruna, Schwester des Grafen Cuno von Vohburg ward einem Adeligen Marzelinus zur Ehe gegeben (Westenrieder Beiträge VI pag. 9).

1005 war ein Mazelinus Kleriker in Regensburg (M.B. 28.322).

1223 ist ein Marzuoler in Oberlauterbach (M.B. 142.90).

1468 ist Hans Marzell in Pfeffenhausen (Ob.B. Archiv 27 pag. 313).

Am Blasiustage 1433 bekannte Herzog Ernst, daß er dem Rupprecht Marzellus 100 Pf. Münchner Pfennig schuldig geworden sei, wofür er ihm auf Lebenszeit die Pflege Mainburg verpfändet, d.h. einräumt (allg. Reichsarchiv).

Daß dieser Ruprecht noch 1436 Pfleger zu Mainburg war, ersieht man aus einem Reverse des Herzogs Albrecht, gemäß welchem er seinem Rate, Wernke dem Seiboltsdorfer bis Lichtmeß 1437 die von ihm entlehnten 600 fl. zu bezahlen verspricht, wofür Ruprecht der Marziller, Pfleger von Mainburg, Bürgschaft leistet.

2 Jahre später berichtet Herzog Heinrich der Reiche dem Pfleger Ruprecht dem Marziller, daß er an Herzog Albrecht 38 Pfund Regensburger Pfennige bezahlt habe seines Sohnes wegen (Langs. Reg. XIII 370).

Im Jahre 1438 streckte Ruprecht der Marzeller als Mainburger Pfleger den Herzögen Ernst und Albrecht - ersterer hielt sich oft lange im Schloße zu Mainburg auf, und wird wohl auch nach Marzill gekommen sein - weitere 38 Pfd. Pfennige vor, mit welchem Gelde die Fürsten einen Hof zu Puttenhausen und die Weihmühle einlösten, die sie an den niederbayer. Herzog Heinrich verpfändet hatten (allg. Reichsarchiv).

Unter diesem reichen Marziller wird die dortige Kirche erbaut worden sein. Ihre Bauart spricht für diese Zeit. Die Schlußsteine am Presbyterium tragen Wappenschilder, die aber mit Kalk so arg verkleckt sind, daß man nichts mehr unterscheiden kann. Das Langhaus scheint eine Holzdecke gehabt zu haben, welche jetzt durch eine Weißdecke ersetzt ist.

Herzog Heinrich starb 1438, sein Sohn Albrecht übernahm die Regierung und stellte Ruprecht dem Marziller einen neuen Leibgedings-Brief aus über die Pflege in Mainburg (Reichsarchiv), welche derselbe auch bis zu seinem Tode innehatte, aber durch Verweser, Landrichter, verwalten ließ.

Dieser Marziller Ruprecht muß vor 1459 gestorben sein, weil in diesem Jahre Herzog Albrecht die Pflege Mainburg dem Ulrich von Starzhausen verschrieb für eine Schuld von 800 fl.

In dieser Zeit kommen Georg und Erhard die Marziller als Ritter und freie Landedelleute aus der Herrschaft Mainburg in den bayerischen Landtafeln vor (Buchner bayer. Geschichte VI 343). Diese waren wahrscheinlich Söhne oder Brüder des Ruprecht, und hatten ihren Sitz in Aigelsbach, denn am Samstag nach Laurenzi 1498 eignete Herzog Albrecht seinem treuen Lienhardt Marziller zu Aigelsbach, ein Gütl zu Mosham auf der Schitt zu, daß er von Rommurg erkauft hatte.

Dieser Lienhardt ist sicher ein Sohn von Georg oder Erhard.

Weiteres über Marzill konnte nicht angegeben werden. Mair, obengenannt, starb zu früh.

Auch ein Schloßbenefizium bestand dort, das jetzt mit Steinbach vereinigt ist, weswegen der Benefiziat von Steinbach die Verpflichtung hat, 72 Messen in Marzill zu lesen, die aber jetzt bedeutend reduziert sind.

In den Matrikeln ist hierüber nichts enthalten; in den alten Katastern des Gutes Marzill fanden sich diesbezüglich Notizen.

Wo das Schloß gestanden ist, kann nicht mehr angegeben werden, da Spuren davon nicht mehr sichtbar sind. Wahrscheinlich stand es da, wo der jetzige Bauernhof steht, der am Anfange dieses Jahrhunderts erbaut wurde; er sieht fast schloßähnlich aus. Ob die Mauern nicht theilweise vom Schloß herrühren?

Wegen des Zehents von Marzill stritten um 1720 gar viel Pfarrer Laubheim von Rudelzhausen und Benefiziat Lerch von Steinbach. Der Streit wurde zu Gunsten des Benefiziaten entschieden, doch blieb dem Pfarrer von Rudelzhausen das Hoheitsrecht über die Kirche Marzill, weswegen bis auf unsere Zeit Kirchweihfest und Patrozinium durch den Kooperator von Rudelzhausen gehalten werden. Das Patrozinium, Wolfgangifest, wurde früher feierlich gehalten; es kamen mit Kreuz und Fahnen die untere Pfarrei Rudelzhausen, die Puttenhausener und Aufhausener, die Steinbacher, die Mainburger. Der Kooperator von Mainburg predigte, der Kooperator von Rudelzhausen hielt das Amt (Kooperatorenaufschreibung von Rudelzhausen von 1719).

Ehe der Bauernhof von Marzill in die Hände der Juden und Schwindler fiel, d.h. von dem Jahre 1850, hatte der Bauer mit seinen Leuten in der Pfarrkirche zu Rudelzhausen gewisse Vorrechte. Am Palmsonntag durfte nicht zum Gottesdienste geläutet werden, bis nicht der Bauer in der Sakristei erschien und anzeigte, daß er da sei. Die Dienstboten mußten eigens Beicht gehört werden, sie durften am Palmsonntag allen anderen vorgehen.

In der Zeit von 1850 - 1868 ging das Gut Marzill in mehrere Besitze über, welche sich darauf nicht halten konnten oder wollten. Im Jahre 1868 kaufte es eine Gesellschaft aus England, um darauf 2000 Zentner Hopfen zu bauen. Allerlei Umbauten und Veränderungen gingen vor, der Hopfen wurde nach englischem Systeme angelegt, der Betrieb ist ein kostspieliger. Gedörrt wird der Hopfen in einer eigenen Halle in Siegenburg, wohin er er grün verbracht wird. Ist er gedörrt, wird er eigenthümlich verpackt und nach England gebracht.

Das Mesnerhaus kaufte diese Gesellschaft, um es abzubrechen.

In der Kirche wurden 1870 zwei neue Seitenaltäre eingestellt, die früher in der Pfarrkirche zu Rudelzhausen waren. Im Jahre 1878 kam die Steinbacher Orgel nach Marzill.

Marzill hatte, soweit es Herrn Gutmann gehörte, 207 Tagewerk. Mit Hopfen angebaut waren 27 Tagewerk = 40.000 Hopfenstöcke, jetzt mehr als 50.000.

niedergeschrieben von H.H. Pfarrer Josef Hauser in Sandsbach 1896 - aufgefunden im Pfarramt Rudelzhausen

Die neuere Geschichte des Ortes wird in Kürze fortgeschrieben.


Anfang

überliefert von Josef Weber (Stand: 30.10.1998)