Folgendes ist ein Hausaufsatz zum Thema: Homo Faber, Selbst- und Weltbild (suhrkamp-Verlag). Ihr könnt ihn euch mal durchlesen und von meinem literarischen Talent überzeugen. wäre für ein Feedback sehr dankbar!

 

Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren. Er zählt in seiner Zeit zu den bedeutesten   Schriftstellern für die moderne Schweizer Literatur. Neben Romanen wie „Stiller“ und  Dramen wie „Andorra“ schrieb er 1957 den Roman „Homo Faber“, der in Berichtform einschneidende Erlebnisse im Leben des Technikers Walter Faber schildert. Dieses Werk bracht ihm unter anderem den Georg Büchner Preis und Literaturpreis der Stadt Zürich ein. Das Buch handelt von dem Ingenieur  Faber, der nur an Mathematik, nicht aber an Mystik glaubt. Sein Leben voll Unwahrscheinlichkeit wird in Form eines nüchternen Berichtes wiedergegeben, in dem die Handlung aus vielen, chronologisch nicht geordneten Einzelheiten zusammengesetzt wird. Dabei wird sein Glaube an die Rationalität immer wieder aufs neue erschüttert und es bilden sich Risse sowohl in seinem Welt-, als auch in seinem Selbstbild. Dies gilt es aufzudecken.

 

 

Walter Fabers Bildnis, das er sich von der Umwelt gemacht hat, drückt sich in der formelhaften Wendung „wie üblich“, einem der sprachlichen Leitmotive des Berichtes, aus. Sie ist ein Zeichen dafür, dass alle Dinge, alles Geschehen rational erfassbar sind und nach einem gewissen Schema ablaufen. Obwohl der erste Flug mit seiner Unterbrechung Unerwartetes zu Tage fördert, wimmelt es gerade hier vom Motiv des „Üblichen“: „Unsere Maschine war, wie üblich...“(7/o), „...dann machte er, wie üblich nach dem zweiten Weltkrieg...“(8/m), „die üblichen Scheiben“(9/o), „nach der üblichen Schererei“(10/u), „der übliche Lautsprecher“(11/m), „die übliche Olive“, „die übliche Geste“, „mit dem üblichen Dröhnen“(12/m-u), „die übliche Liste“, „Start wie üblich“(14/o-m), „Farbspiel wie üblich“(15/m), „ein schwarzes Zucken wie üblich“(18/m), „Böen wie üblich“, „wie üblich bei Böen“, „das Übliche“, „wie üblich vor der Landung“(19/o-u), „die üblichen Formen“(24/m), „Was ich so erfuhr, war das Übliche“(26/o). Insgesamt wird das Wort „üblich“ 18 mal bis zur ersten Rückwende (Seite 33) gebraucht. Die Verwendung von „üblich“ charakterisiert Fabers Haltung zur Welt: Das zukünftige Geschehen ist festgesetzt in Fabers Vorstellungswelt und läuft nach diesen Schemata ab. Neue Dinge werden in vorhandene Muster gepresst und somit wieder kategorisiert.

Ein einziges Mal versagt diese Technik Faber den Dienst. Seine Liebe zu Sabeth findet in keinem Muster Platz. Indem er Sabeth liebt, entzieht sie sich einem Bildnis („Sie war mir fremder als je ein Mädchen“, 95/m). Je mehr er zu ihr Zuneigung verspürt, desto mehr entzieht sie sich im weiteren Verlauf seinem Fassungs- und Sprachvermögen („Es gibt keine Wörter dafür“, 93/m). Im Pariser Cafe gesteht er sich selber ein (wobei er „noch nie glücklicher war, als jetzt“):“Ich wusste immer weniger, was für ein Mädchen sie eigentlich war.“,(101/u). Das Bildnis aber, nach dem Walter Faber seine Welt formt, sowie sein bis dahin unerschütterlicher Glaube an dessen Richtigkeit machen ihn „blind“ der Wirklichkeit gegenüber.

 

Faber glaubt allen Ernstes, sein Unterbewusstsein so zu beherrschen, dass er sich an unangenehme und absurde Dinge nicht erinnert, aber genau dies wird passieren, noch dazu in einem recht unpassenden Augenblick: im Louvre, beim Warten auf Sabeth. Es ist ganz offensichtlich, dass Faber hier „vergessen“ mit „verdrängen“ verwechselt, was ihn nicht hindert, weiter daran festzuhalten. Je weiter die absurde Geschichte weitergedacht wird, um so mehr spricht Walter Faber von „vergessen“: „...dabei nannte ich sie nach wie vor Frau Professor. Das war absurd. Ich vergaß es von Mal zu Mal.“,(99/m). „Sie starb noch im gleichen Sommer, und ich vergaß es, wie man Wasser vergisst,...“,(99/u), „Natürlich kam ich mir schlecht vor, weil ich es vergaß“,(100/o). Fabers Bildnis seiner eigenen Denkstrukturen wird in dieser Episode als Selbsttäuschung entlarvt. Diese Manipulationen manifestieren sich besonders deutlich in Fabers Selbstbildnis als Techniker („Homo faber“, wie Hanna ihn nennt): „...als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen.“,(22/o). Für Faber ist die Technik nicht nur Beruf, sondern Berufung. Er hält sich an das, was er sieht: „Ich bin Techniker und gewohnt, die Dinge zu sehen, wie sie sind“, (24/o) und so ist er überzeugt, dass die Dinge so sind, wie er sie sieht, d.h. die äußere Erscheinungswelt ist für ihn eine objektive Tatsache, die rational erfassbar ist.

 

Zufall, Schicksal oder unerwartete Ereignisse haben im Leben des Walter Faber scheinbar keine Wirkung. Er meint, sich genau zu kennen, und obwohl genau das Gegenteil der Fall ist, wird Faber nicht müde, sein Selbstbildnis zu wiederholen und zu bekräftigen. Frischs Entlarvungsmethode besteht darin, Faber sich selbst Lügen strafen zu lassen, er ist es ja, der seinen eigenen „Bericht“ verfasst. Die Entlarvung folgt auf dem Fuße, oder ein paar Seiten weiter:

 

 

Selbstbildnisse und Entlarvungen Fabers bis zur ersten Rückwendung S.33:

Selbstbildnisse Walter Fabers:

 

- Ich schwor mir, nie wieder zu rauchen (11/u)

 

- Ich machte mir nichts aus Romanen - sowenig wie aus Träumen (15/m)

 

- ...ich hasse diese Manie, einander am Ärmel zu greifen(17/m)

 

- ...ich staunte über meine Ruhe (20/m)

 

- Ich glaube nicht an Fügung und Schicksal, als Techniker bin ich gewohnt mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit zu rechnen. (22o)

 

 

 

- Ich schätze das Schach, weil man Stunden lang nichts zu reden braucht (23/m)

 

- Ich konnte sie (Hanna) mir nicht

vorstellen (29/m)

Entlarvung:

 

- ...zündete mir eine Zigarette an... (12/m)

 

 

- ...ich träumte von Ivy (15/m)

 

 

- ...griff ich ihn am Ärmel (17/m)

- ...ich griff sie am Ellenbogen (18/o)

 

- ...verlor ich die Nerven (20/m)

 

- ...wäre alles ganz anders gekommen; ich hätte diesen jungen Hencke nicht kennen gelernt, ich hätte (...) nie wieder von Hanna gehört, ich wüsste heute noch nicht, dass ich Vater bin (...) würde Sabeth noch leben (22/m)

 

- Seine Einsilbigkeit (beim Schach) reizte mich (28/m)

 

- Ich träumte von Hanna. Hanna als Krankenschwester zu Pferd (29/m)

 

Im weiteren Verlauf der Handlung wird der Leser eine Vielzahl von solchen Selbstbelügungen nebst deren Demaskierung erleben, es wäre überflüssig alle aufzuzählen. Einen wichtigen Hinweis auf das Selbstverständnis seiner eigenen Denkvorstellungen, gibt Frisch in der „absurden Frau-Professor“ Episode. Sie wird eingeleitet durch Fabers Bekenntnis: „Meine erste Erfahrung mit einer Frau, die allererste, habe ich eigentlich vergessen, das heißt, ich erinnere mich überhaupt nicht daran, wenn ich nicht will „,(99/m). An diese Erfahrung, die Faber selbst „absurd“ bezeichnet, kann er sich aber dann doch bis in die Einzelheiten erinnern.

 

Die Wahrscheinlichkeit glaubt er mit den Mitteln der Statistik allzeit beweisen zu können. Die Bemühung der Statistik als Ausdruck Walter Fabers Selbsttäuschung begegnet dem Leser an mehreren Stellen des Berichtes. „Das Wahrscheinliche (dass bei 6ooooooooo Würfen mit einem regelmäßigen Sechserwürfel annähernd 1ooooooooo Einser vorkommen) und das Unwahrscheinliche (dass bei 6 Würfen mit demselben Würfel einmal 6 Einser vorkommen) unterscheiden sich nicht dem Wesen nach, sondern nur der Häufigkeit nach...“,(22/m) aber, „...was nützt es mir, dass von 1000 Flügen, die ich mache, 999 tadellos verlaufen; was interessiert es mich, dass am gleichen Tag, wo ich ins Meer stürze, 999 Maschinen tadellos landen?“,(61/o). Faber manipuliert die Statistik zu seinen Gunsten: „Ich bin in meinem Leben (...) über 1ooooo Meilen geflogen ohne die mindeste Panne. Von Flugangst konnte keine Rede sein. Ich tat nur so...“,(61/m). Nach der Schlangenbissgeschichte bemüht Faber die Statistik besonders häufig: „Ich redete über Mortalität bei Schlangenbiss, bzw. über Statistik im allgemeinen“,(141/o), „Ich hielt damals einen ganzen Vortrag über Statistik“,(130), „Ich fragte Hanna, wieso sie nicht an Statistik glaubt, statt dessen aber an Schicksal und Derartiges“,(136/) weil er auf der einen Seite seine Schuld am Unfall Sabeths zu rechtfertigen sucht, und auf der anderen Seite die wahre Ursache ihres Komas verdrängt. Selbst in der zweiten Station redet er sich ein (obwohl alle Anzeichen dagegen sprechen), dass seine Krankheit laut „Statistik eine Operation, die in 94,6 von 100 Fällen gelingt“,(164/u), operabel sein wird. Alle Krankheitssymptome wurden ja erfolgreich verharmlost und verdrängt.

 

Fabers Ideal glaubt er im Roboter gefunden zu haben: „...das menschliche Ressentiment gegen die Maschine, das mich ärgert, weil es borniert ist, ihr abgedroschenes Argument: der Mensch sei keine Maschine“ ,(74/m), „...Reflexe, die eine Maschine ebenso gut erledigen kann wie ein Mensch, wenn nicht sogar besser“ (74/u), „Vor allem aber: die Maschine erlebt nichts, sie hat keine Angst und keine Hoffnung, die nur stören, keine Wünsche in Bezug auf das Ergebnis“ (im Gegensatz also zu Faber!)“...Der Roboter erkennt genauer als der Mensch (...) und kann sich nicht irren“,(75/m), „Überhaupt der ganze Mensch! - als Konstruktion möglich, aber das Material ist verfehlt: Fleisch ist kein Material, sondern ein Fluch.“,(171/u) Fabers Selbstbildnis steht fest und scheint unerschütterlich: er kennt sich und seinen Körper, Überraschungen sind nicht möglich. Die Gefühle und das Denken können gesteuert werden, Erleben hat im Leben des Walter Faber keinen Platz. Er ist Techniker und glaubt an die festgefügten Regeln von Statistik, Wahrscheinlichkeit und rationalem Planen, in denen Fügung, Schicksal, Tod keinen Platz haben.

 

Das Bildnis, das Walter Faber von sich und seiner Umwelt angefertigt hat,  beeinflusst die Entwicklung seiner Person verhängnisvoll. Der Entwicklungsprozess, den er zu seinem wahren Ich vollziehen muss, ist gepflastert mit Krankheit, Schmerz und Tod, denn um zur wahren Selbsterkenntnis zu kommen bedarf es einer Korrektur seines bisherigen Weltbilds. Nachdem Max Frisch Faber systematisch mit dem nicht-technischen Bereich konfrontieren ließ (Krankheitssymptome, Flugzeugnotlandung, Selbstmord seines Freundes Joachim) und dieser davon zunächst unerschüttert bleibt, zwingt er ihn bei einem Krankheitsaufenthalt dazu, über sein bisheriges Leben, vor allem aber über die Begegnung mit seiner Tochter, Rechenschaft abzulegen. Dies erst wird sein Weltbild ins wanken- der weitere Verlauf zum Einsturz bringen. Aber am Ende wird Walter Faber zu sich selbst gefunden haben, die neue eigene Identität  ist das Resultat einer Wiedergeburt.

Der Wendepunkt seines Lebens beginnt in Caracas. Seine Sichtweise der Welt beginnt fragwürdig zu werden, nur erlebt Faber zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass die ihm zugemuteten Zufälle zu ihm gehören. In der zweiten Station versuch Faber das Verfehlte nachzuholen. Zum einen will er nun Hanna heiraten: „Ich werde Hanna heiraten“,(165/o), zu anderen versucht er sein nicht gelebtes Leben nachzuholen (in der Kubaepisode). Beides wird jedoch scheitern. Die zweite Station, ebenfalls als rückblickender Bericht verfasst, enthüllt die allmähliche Erkenntnis Walter Fabers über seine bisherige Identität und ist zugleich in eine Bewusstwerdung um eine neue erweitert. Sie umfasst die abermaligen Reisen nach Mittelamerika, den USA, Düsseldorf, Zürich und schließlich Athen; in der Wiederholung seiner Reisen kann sich der Vorgang der Erkenntnis vollziehen. Faber durchschaut sein Bildnis, dass er von den Menschen und von sich selbst gemacht hat. Faber „erlebt“ seinen „letzten Flug“ nun wirklich („Täler im Schräglicht des späteren Nachmittags, Schattenhänge, Schattenschluchten, die weißen Bäche darin“, (195/o) usw. Sein „neues Leben“ äußert sich im Wunsch, mit der Natur verbunden zu sein: „Wunsch, Heu zu riechen!“, „Wunsch, die Erde zu greifen -“, (195/m). Faber hat zu seiner Identität gefunden. In ihr hat nun auch der Tod Platz: „Ich weiß alles...“,(198/m). Im letzten Rückblick auf sein Leben muss er feststellen, dass das Leben mit einer verfremdeten Identität, kein Leben ist, weshalb seine „Verfügung im Todesfall“ nur lauten kann: „alle Zeugnisse von mir wie Berichte, Briefe, Ringheftchen, sollen vernichtet werden, es stimmt nichts.“,(199/o).

 

 

Max Faber gelingt es mit seinem Werk „Homo faber: ein Bericht“ eine Verbindung mit dem Menschen des 20. Jahrhunderts herzustellen. Dieser kann sich gut mit der Hauptfigur identifizieren, indem er die voreingenommene Einstellung zu nicht rationalen Themen nachvollzieht. Indirekt lässt sich aus dem Buch ein Aufruf an die Menschheit des 20. Jahrhunderts deuten, dass sie Vergessenes wiederlernt und sich wieder mehr auf die eigentlichen Empfindungen im Leben konzentriert.

 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Zitate beziehen sich auf:

Frisch, Max: Homo Faber. Ein Bericht, Frankfurt 1979

(Suhrkamp Taschenbuch 354)

 

Verwendete Sekundärliteratur:

 

- „Erläuterungen und Dokumente“ zu Max Frisch „Homo Faber“

   1987 im Reclam-Verlag in Stuttgart erschienen

 

- „Max Frisch“ von Jürgen H. Petersen

 1978 im Metler-Verlag in Stuttgart erschienen

 

- Stäuble, Eduard „Max Frisch: Gesamtdarstellung seines Werkes Homo faber“