Das Pfingstwochenende 1999
brachte dem Landkreis Kelheim ein Jahrhundert-Hochwasser. Besonders betroffen sind die
Städte Neustadt a.d. Donau und die Kreisstadt Kelheim. Als in Neustadt der Damm bricht,
bricht eine Flutkatastrophe über die donauseitigen Gebiete der Stadt Neustadt a.d. Donau
herein.
Samstag, 22. Mai
Nachdem der Donau-Pegel rapide
ansteigt, kommt erstmals
der Kristenstab des Landkreises Kelheim zusammen. In Weltenburg strömen erstmals seit 150
Jahren die Fluten in die Asamkirche. In der Barockkirche steht das Wasser bis zu 60
Zentimeter hoch.
Sonntag, 23 Mai
Im weltberühmten Kloster
Weltenburg wird am Nachmittag
der Kampf gegen die Wassermassen aufgegeben. Beim Versuch einen neuen Kahn vor dem
Hochwasser
in Sicherheit zu bringen, gerieten vier Bewohner aus dem
Fischerdörfl in Lebensgefahr und konnten in Sicherheit gebracht werden. Um 18.00
Uhr wird für den Landkreis Kelheim Katastrophenalarm ausgelöst. Im Landratsamt sowie in
den Städten Kelheim und Neustadt a.d. Donau werden Bürgertelefone eingerichtet. Die
Donau überschreitet mit der Rekordmarke von fast 8 Metern den Normalpegel um mehr als die
Hälfte. Über 700 Helfer von Feuerwehr, THW, Polizei, DLRG- und BRK-Gruppen sowie
Abordnungen von Grenzschutz und Bundeswehr sind im Einsatz. Auch von den
Nachbarlandkreisen kommt Hilfe. Am Abend wird eine Frau in Weltenburg, nachdem Sie eine
Herzattacke erlitten hatte, mit dem Rettungshubschrauer "Christoph 1" ins
Krankenhaus gebracht.
Montag, 24. Mai
Nachts um 1.10 Uhr wird der
Damm bei Neustadt überflutet, um 8.30 bricht er. Die Vororte Schwaigfeld, Mauern und
Wöhr werden von den Wassermassen überflutet. Auch aus Bad Gögging müssen Bürger aus
Ihren Häusern evakuiert werden. Insgesamt sind 1500 Menschen betroffen. In der
Hauptschule Neustadt a.d. Donau werden Notunterkünfte eingerichtet. Um 9.00 Uhr Morgens
wird in Kelheim die Pegelspitze von 7,95 Metern erreicht. Zahlreiche Schaulustige bringen
sich durch Dammspaziergänge in Lebensgefahr und behindern die Arbeit der Helfer. In
Kelheim überflutet das Wasser die Regensburger Strasse und dringt in zahlreiche Häuser.
Am Abend wird in Kelheim die alte Donaubrücke wegen Einsturzgefahr für den Verkehr
gesperrt. In der Nacht geht nach einem Kurschluß wegen des Hochwassers ein Haus in
Staubing in Flammen auf.
Dienstag, 25. Mai
In Bad Gögging wird der Deich
erhöht, der Kurbetrieb ist stark eingeschränkt. Auch in der Römerbadklinik und
Trajansklinik wird der Betrieb auf ein Minimum zurückgefahren, da die Abwässer die
strapazierte Kanalisationsanlage in hohem Maße belasten. Die Zahl der Helfer hat sich
mittlerweile auf 1000 erhöht. Durch eine bis zu 150 Meter breite Lücke wird der Damm in
Neustadt überschwemmt, Pläne die Lücke zu schließen, aufgrund der Wassermassen und
Erreichbarkeit des Dammes, wieder verworfen. Mittlerweile sind mindestens 20
Quadratkilometer überflutet, 2000 Menschen betroffen. In den betroffenen Gebieten steht
die Flut bis zu 2,50 Meter hoch. Bis zur Nacht haben in der Neustädter Notunterkuft 40
Personen Zuflucht gesucht. Über Neustadt liegt ein penetranter Ölgeruch. Mit
Schlauchbooten wird ein Versorgungsverkehr eingerichtet, teilweise muß in einigen
Gemeinden das Leitungswasser abgekocht werden. Der Bayerische Innenminister Günter
Beckstein macht sich in Neustadt ein Bild der Lage. Am Abend wird in Saal a.d. Donau als
Sicherungsmaßnahme der Hochwasserdamm verstärkt. In der Nacht bricht vor der Schleuse
Oberndorf ein Damm, der den RMD-Kanal von der Donau trennt. In der Folge wird eine
Großbaustelle überflutet, 22 Baucontainer mitgerissen.
Mittwoch, 26. Mai
Vormittags macht sich der
Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber ein Bild der Lage. Er warnt vor zu hohen
finanziellen Erwartungen, verspricht aber Hilfe. In der Live-Sendung
"Bürgerforum" wird von Hochwasserbetroffenen kontrovers die Informationspolitik
im Vorfeld der Katastrophe diskutiert. In Kelheim wird die Maximiliansbrücke für den
Verkehr wieder freigegeben. In Neustadt gründet sich eine Bürgerinitiative
"Hochwassergeschädigter Bürger". Die Zahl der Betroffenen wird auf etwa 3000
beziffert.
Donnerstag, 27. Mai
Da zahlreiche Felder
überflutet sind, macht sich Futternotstand bei den Landwirten bemerkbar. Die Tiere
hungern in den Ställen. Zahlreiche Spendenkonten werden eingerichtet. Das Hochwasser geht
zurück. In Kelheim wird ein Pegel von 601 Zentimetern erreicht. Trotzdem muß der
Katastrophenalarm aufrecht erhalten werden. Bei Sittling öffnen Pioniere der Bundeswehr
einen Polderdeich, damit die Wassermassen kontrolliert ablaufen können. Rund einen
Kilometer vor der Schleuse Oberndorf wird nun doch ein provisorischer Damm aufgeschüttet,
der die Reparatur des zerstörten Damms vor der Schleuse erst möglich macht. Bisher hatte
die Einsatzleitung Katastrophenschutz interveniert, da damit eine Gefahr für die
Bevölkerung von Bad Abbach und Oberndorf bestanden hätte.
Freitag, 28. Mai
In Neustadt bildet der Kampf
gegen ausgelaufenes Heizöl einen Schwerpunkt der Einsatzkräfte. Die Polizei erhält noch
immer weiträumig Strassensperren aufrecht um die Schaulustigen abzuhalten und die
Betroffenen vor Plünderungen zu schützen. Hierzu wird auch mit Booten Streife gefahren.
Die Diskussion, vor allem unter betroffenen Neustädter Bürgern, ob im Vorfeld
ausreichend informiert und gewarnt wurde, hält unvermindert an. Die Opfer erhalten viel
Solidarität von freiwilligen Helfern, Firmen und Spendern. In Irnsing wird der
aufgerissene Damm repariert.
Noch Tage nach dem Dammbruch
liegt über Neustadt ein durchdringender Heizölgeruch. Vor den betroffenen Häusern
türmen sich die kaputten Einrichtungen, zahlreiche Familien stehen vor dem Nichts. Der
Schaden ist noch nicht abzusehen.