Mein Pfingsten 99
ALARM
Es war am Sonntag Nachmittag, als mich der Anruf erreichte. Die Hochwasserpegel stiegen
immer weiter, die Lage wurde zunehmend ernster. Als ich gegen 17 Uhr in der Kaserne
eintraf, übernahm ich zunächst den Telefondienst und half dabei, meine Einheit zu
alarmieren. ,Hallo, ich bin's, der Reinhold. Kann ich bitte den Markus sprechen?"
,Ja, Moment bitte." ,Hier ist Oberfeldwebel Schilk. Herr Obergefreiter XY, wir haben
Katastrophenalarm. Kommen Sie auf den
schnellsten Weg in die Kaserne!"
Unser erster Einsatz begann um 19 Uhr. Innerhalb von 2 ½ Stunden war es uns
gelungen, 25 Mann zu aktivieren, mit denen wir nun aufbrachen. Eine halbe Stunde später
trafen wir in Vohburg an der Donau ein. Auf einem Parkplatz halfen wir den Zivilisten,
Sand in Säcke zu füllen, was uns eigentlich richtig Spass machte. Meine Crew bestand aus
einem 15 Jahre alten Jungen und zwei Mädels um die 24, die ich mir aus der Schar der
Hilfswilligen herausgepickt hatte. Bis 22 Uhr hieß es schaufeln, schaufeln, schaufeln,
als man die Bundeswehr schließlich an die Wasserfront berief, wo sich meine in der
Zwischenzeit auf 35 Mann angewachsene Einheit um einen Damm kümmern musste, der zu
brechen drohte.
Somit begann unser zweiter Einsatz am Damm bei der Auwaldstraße, wo wir
gemeinsam mit anderen Verbänden, der Feuerwehr und dem THW mehrere Stunden lang die
Sandsäcke per Menschenketten an die Leckstellen warfen, wobei sich leider viele der
Feuerwehrmänner recht schnell von
unseren Leuten ablösen ließen. Dafür bot uns eine alte Frau, deren Haus sich direkt
neben dem Damm befand, an, ihre Toilette zu benutzen. Eine, wie ich fand, mehr als nette
Geste! Gegen zwei Uhr morgens schließlich war der Damm gesichert, so dass wir in
Bereitschaftsstellung zurückkehren konnten.
Endlich war es uns möglich, eine zweistündige Pause einzulegen, in der wir
erst gewahrten, wie viele Menschen im Kampf gegen das Hochwasser beteiligt waren.
Feuerwehr, Polizei, Sanitäter, THW und zu einem großen Teil die Bundeswehr aus
verschiedenen Standorten, deren Uniformen einen bunten Haufen im Gerätehaus bildeten, wo
wir übrigens
hervorragend versorgt wurden. Warmes Essen von der Bundeswehr, Wurstsemmeln der Vohburger
Metzger und Bäcker, Getränke eines Herstellers aus der Umgebung sowie zahlreiche
selbstgebackene Kuchen von den Frauen des Ortes.
Gegen vier Uhr morgens drohte der Damm an der Auwaldstraße erneut zu
brechen. Im Laufschritt eilten wir an die Gefahrenstelle, inzwischen weit über 100 Mann,
wobei meine Emotionen zwischen der Freude darüber, helfen zu können, dem Gedanken an
Pflichterfüllung und meiner nun doch schon großen Müdigkeit schwankten. Dennoch aber
warfen wir bis 8 Uhr abermals einen Sack nach dem anderen an die undichte Stelle. Dabei
fiel mir ein Mädchen vom THW auf, das nicht besonders groß und zierlich gebaut war und
in unserer Kette stand. Bei jedem Sandsack, den sie zugeworfen bekam, ging sie in die
Knie, dennoch lehnte sie die Ablösung, die ich für sie organisierte, mit lautem Protest
ab. Respekt! Auch die Anwohner, deren Zaun wir für diese Menschenkette
niederreißen mussten, murrten nicht, sondern halfen uns sogar dabei.
Um 8 Uhr wurden wir dann schließlich abgelöst. Ein Verband aus Brannenburg
war in Marsch gesetzt worden und würde jeden Augenblick eintreffen. Da unser Abrücken
aussah wie eine Flucht, fragten uns die verunsicherten Zivilisten, ob wir etwa schon
gingen, wie die Dinge stünden und ob wir wiederkämen. Ich für meinen Teil musste
allerdings,
da ich mit einem Führungsfahrzeug angekommen war, auf meinen Hauptmann warten, der noch
am Damm war. Während ich wartete, beobachtete ich den BGS Hubschrauber, wie er Sandsäcke
an die undichte Stelle beförderte.
Gegen 12 Uhr konnten wir endlich etwas schlafen und um 17 Uhr wurde der
Dienstschluss befohlen, so dass wir heimfahren durften. Gegen 20 Uhr wurde ich erneut
alarmiert. Diesmal jedoch stand uns nur eine sehr kurze Nacht bevor, da die Einsatzleitung
nach unserem Eintreffen ankündigte, dass wir im Moment nicht gebraucht würden und uns
lediglich zur Verfügung halten sollten. Also kehrten wir in die Kaserne zurück, wo wir
bis 16 Uhr in Bereitschaft blieben. Die meisten
wurden dann nach Hause geschickt, 40 Mann von uns stehen jedoch immer noch in direkter
Bereitschaft. Der Rest zuhaus in zweiter Reihe.